Kläri, die Tante

"Gott grüessech, seid willkommen in diesem altehrwürdigen Haus! Ich bin Jakobs ledige Schwester, ds Tante Kläri.
Das Heiraten lag für mich nicht drin. Der Ueli vom Nachbarhof hätte mich zwar gerne gehabt. Aber mein Vater wollte, dass unser Besitz beisammen bleibe. Das nehme ich ihm noch heute übel! Es sagten immer alle, ich sei dumm. Ich kann ja nichts dafür, dass Mueti bei meiner Geburt fast gestorben wäre und ich deshalb ganz blau zur Welt kam.
Ja, unser gutes altes Mueti! Alle waren froh, habe ich es gepflegt, bis es der Herrgott zu sich nahm. Bis fast zuletzt wollte es sich nützlich machen: In der Küche rüstete es das Gemüse, schälte die Kartoffeln und hörte den Jumpferen zu, wenn sie etwas drückte. Uns sieben Kinder hat es gross gezogen. Es hat sein Leben lang zu viel arbeiten müssen und hat sich nie gewehrt. Das mache ich anders: Ich sitze nicht immer aufs Maul.
Es ist nicht mehr wie früher, seit Elsi, meine Schwägerin, auf unserem Hof ist! Sie will jetzt überall regieren. Aber um Hanf und Flachs kümmere ich mich und leite die Jumpferen an beim Rösten und Brechen. Wir verspinnen alles selber und weben Stoffe für unsere Kleider und Bettwäsche. Nähme mich wunder, wie das herauskäme, wenn Elsi dazu schauen müsste. Die hat ja für nichts Zeit!
Auch an der Sichlete weiss ich besser Bescheid als die Meistersfrau. Da dürfen alle teilhaben: die Knechte, die Jumpferen, die Taglöhner und deren Familien, aber auch die Armen aus dem Dorf. Es darf an nichts fehlen, sonst spricht man schnell schlecht von uns. Das können wir uns nicht leisten.
Seit das Mueti nicht mehr ist, muss ich oft auch zu den Kindern schauen. Langsam wird es mir zu bunt.... Aber kommt und schaut selber!"